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Die U-Bahnen der Welt: die großen Netze von London bis Shanghai

Die größten U-Bahn-Netze der Welt liegen heute nicht mehr dort, wo sie erfunden wurden. London war zuerst da, New York hat die meisten Stationen — die längsten Netze aber sind in wenigen Jahrzehnten in China entstanden.

London: der Anfang unter Dampf

Am 10. Januar 1863 eröffnete in London die Metropolitan Railway und damit die erste U-Bahn der Welt. Sie fuhr mit Dampflokomotiven durch flach liegende Tunnel, die in offener Bauweise unter den Straßen entstanden waren — mit Lüftungsschächten, weil die Rauchgase sonst nirgends hinkonnten. Der Betrieb galt schon Zeitgenossen als unangenehm, wurde aber sofort stark genutzt.

Die eigentliche Wende brachte die elektrische Traktion ab 1890. Erst sie erlaubte tief liegende Röhrenlinien im Schildvortrieb, unabhängig vom Straßenverlauf darüber. Bis heute besteht das Netz deshalb aus zwei technisch verschiedenen Familien: den flachen, breiten Linien der Anfangszeit und den engen, runden Röhren der elektrischen Ära, deren kleines Profil eine Klimatisierung der Züge bis heute erschwert.

Zeitstrahl der Eröffnungsjahre großer U-Bahn-Netze von London 1863 bis Moskau 1935.
Abb. 01 — Eröffnung der großen Netze Sieben Netze, die zusammen die Bauweisen definiert haben. Die längsten Netze der Gegenwart sind jünger als jedes von ihnen.
Weit gespannte gläserne Gewölbehalle eines historischen Kopfbahnhofs
Die ältesten Netze wuchsen aus den Kopfbahnhöfen heraus — sie sollten zunächst nur die Endpunkte der Fernbahnen miteinander verbinden.

Kontinentaleuropa: Budapest, Paris, Berlin

1863Eröffnung der ersten U-Bahn der Welt in London Die erste U-Bahn auf dem europäischen Festland fuhr 1896 in Budapest, von Beginn an elektrisch und in flacher Lage unter einer Prachtstraße. Paris folgte am 19. Juli 1900 mit einem Netz, das bis heute für seine Dichte bekannt ist: In weiten Teilen der Innenstadt liegt die nächste Station in wenigen hundert Metern Entfernung, was kurze Fußwege bedeutet und niedrige Reisegeschwindigkeiten.

Eine Pariser Eigenheit sind die Linien mit gummibereiften Fahrzeugen, die auf Betonbahnen rollen und von zusätzlichen Stahlrädern geführt werden. Sie beschleunigen und bremsen besser und bewältigen steilere Rampen, verbrauchen aber mehr Energie und passen zu keinem anderen System. In Berlin nahm 1902 die erste Strecke den Betrieb auf, zunächst überwiegend als Hochbahn; Hamburg folgte 1912.

New York, Tokio, Moskau: drei Wege zur Massenkapazität

Merkmale großer Netze
NetzEröffnetKennzeichen
London1863ältestes Netz, zwei Tunnelprofile
Budapest1896erste elektrische U-Bahn auf dem Kontinent
Paris1900sehr dichter Stationsabstand, Gummireifenlinien
Berlin1902Klein- und Großprofil nebeneinander
New York1904meiste Stationen, viergleisige Abschnitte, Nachtbetrieb
Tokio1927Durchbindung in die Vorortbahnen privater Betreiber
Moskau1935sehr kurze Zugfolgen, tiefe Stationen

Die New Yorker Subway löste das Kapazitätsproblem baulich: Viele Abschnitte haben vier Gleise, was Express- und Nahverkehrszüge auf derselben Linie erlaubt und Wartungsarbeiten im laufenden Betrieb ermöglicht. Deshalb fährt sie als eines der wenigen großen Netze rund um die Uhr.

Tokio ging den entgegengesetzten Weg und öffnete sein Netz nach außen. Metrolinien werden an den Endpunkten in die Strecken privater Vorortbahnen durchgebunden, sodass ein Zug ohne Umstieg vom Zentrum bis weit in die Region fährt. Moskau wiederum setzte ab 1935 auf sehr tiefe Stationen und extrem kurze Zugfolgen — hohe Kapazität durch Frequenz statt durch Gleiszahl.

China: die Netze, die alles verschoben haben

Der größte Teil der weltweit gebauten Metrokilometer der letzten drei Jahrzehnte entfällt auf China. Shanghai nahm sein Netz 1993 in Betrieb und betreibt heute eines der längsten Systeme überhaupt; Peking, Guangzhou, Shenzhen und Chengdu liegen ebenfalls in der Spitzengruppe. Kein europäisches oder nordamerikanisches Netz ist in vergleichbarem Tempo gewachsen.

Der Grund liegt in der Ausgangslage. Neue Linien entstehen dort in Stadtteilen, die zeitgleich gebaut werden, mit einheitlichen Fahrzeugen, einheitlicher Signaltechnik und ohne den Bestandsschutz gewachsener Netze. Historische Systeme wie London oder New York verbringen einen erheblichen Teil ihres Budgets damit, hundert Jahre alte Substanz im laufenden Betrieb zu erneuern — eine Aufgabe, die keine Kilometer im Netzplan hinzufügt.

Innenraum eines U-Bahn-Wagens mit Längssitzen und Haltestangen
Längssitze statt Sitzreihen: Die Inneneinrichtung folgt der Fahrgastwechselzeit, nicht dem Komfort auf der Fahrt.

Warum jede Rangliste anders aussieht

Vergleiche zwischen Netzen sind mit Vorsicht zu lesen, weil schon die Grundgrößen unterschiedlich gebildet werden. Streckenlänge zählt den Fahrweg einmal; Linienlänge summiert alle Linien und zählt gemeinsam befahrene Abschnitte mehrfach. Bei Stationen entscheidet, ob ein Umsteigebahnhof zweier Linien als eine Station oder als zwei gilt. Und ob ein Netz überhaupt als U-Bahn geführt wird, hängt am Kriterium: Wer nur den kreuzungsfreien Fahrweg verlangt, kommt auf eine andere Liste als wer zusätzlich eigene Stromversorgung und eigenes Fahrzeugprofil fordert.

Deshalb führt dieselbe Stadt in einer Statistik das Feld an und liegt in der nächsten auf Platz vier, ohne dass ein Meter Tunnel gebaut worden wäre.

Was in Deutschland eine U-Bahn ist und was nicht

Vollständig kreuzungsfreie U-Bahn-Netze bestehen in Berlin, Hamburg, München und Nürnberg. Berlin unterhält dabei zwei nicht kompatible Profile nebeneinander, das schmale Kleinprofil der frühen Linien und das spätere Großprofil — eine Altlast, die Fahrzeugbeschaffung und Betriebsplanung bis heute prägt. Nürnberg betreibt zudem seit 2008 vollautomatischen Betrieb auf Teilen des Netzes.

In vielen weiteren Städten, darunter mehrere im Ruhrgebiet und im Rheinland, fahren Stadtbahnen: im Zentrum unterirdisch, außerhalb oberirdisch und teils straßenbündig. Technisch sind das keine U-Bahnen, im Sprachgebrauch heißen sie trotzdem so. Für die Fahrgäste macht das wenig Unterschied, für die Vergabe des Betriebs und die geltenden Vorschriften einen erheblichen.

Häufige Fragen

Welche U-Bahn ist die älteste der Welt?

Die Londoner Metropolitan Railway, eröffnet am 10. Januar 1863. Sie fuhr zunächst mit Dampflokomotiven in flach liegenden Tunneln, die in offener Bauweise unter den Straßen entstanden waren; die tiefen Röhrenlinien kamen erst mit der elektrischen Traktion ab 1890 hinzu.

Welche U-Bahn hat die meisten Stationen?

Die New Yorker Subway. Sie ist zudem eines der wenigen großen Netze mit durchgehendem Nachtbetrieb, was möglich ist, weil viele Abschnitte vier Gleise haben und Wartungsarbeiten im laufenden Betrieb umfahren werden können.

Welches Netz ist heute das längste?

Die längsten Netze liegen in China, insbesondere in Shanghai und Peking. Beide Systeme sind erst seit den 1990er-Jahren im Betrieb und haben die historischen Netze Europas und Nordamerikas innerhalb weniger Jahrzehnte überholt.

Warum fahren Pariser Metrozüge auf Gummireifen?

Auf mehreren Linien laufen die Fahrzeuge auf luftgefüllten Reifen, die auf Betonbahnen rollen, geführt von zusätzlichen Stahlrädern. Das verbessert Beschleunigung und Bremsvermögen und erlaubt steilere Rampen — um den Preis eines höheren Energieverbrauchs und eines Systems, das mit keinem anderen kompatibel ist.

Gibt es in Deutschland echte U-Bahnen?

Vollständig kreuzungsfreie Netze bestehen in Berlin, Hamburg, München und Nürnberg. In vielen anderen Städten, darunter mehrere im Ruhrgebiet, verkehren Stadtbahnen, die im Zentrum unterirdisch und außerhalb oberirdisch fahren — technisch keine U-Bahnen, im Sprachgebrauch aber oft so bezeichnet.

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