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Verkehrsgeschichte · Anfänge

Die erste öffentliche Eisenbahn: Herkunft des Wortes und Anfänge

Die Frage nach der ersten öffentlichen Eisenbahn hat mehrere richtige Antworten, weil sie mehrere Fragen zugleich stellt: öffentlich für wen, betrieben womit und befördert wurde was. Je nach Kriterium liegt der Anfang 1803, 1825 oder 1830.

Etymologie: eine Bahn, benannt nach ihrem Material

Das deutsche Wort Eisenbahn beschreibt den Fahrweg, nicht das Fahrzeug und nicht den Antrieb. Es ist eine Lehnübersetzung des englischen iron railway und stammt aus einer Zeit, in der das Neue an diesen Wegen tatsächlich das Eisen war: Jahrhundertelang liefen Bergbauwagen auf Bohlen aus Holz, die sich schnell abnutzten. Sie mit eisernen Platten oder Winkelschienen zu belegen, verlängerte ihre Lebensdauer um ein Vielfaches — und darauf bezog sich der Name.

Der englische Begriff railway setzt einen anderen Akzent: er benennt die Schiene als spurführendes Element. Beide Wörter entstanden vor der Dampflokomotive, und das erklärt, warum die Suche nach der ersten öffentlichen Eisenbahn so leicht in die Irre führt. Wer nach der ersten Bahn sucht, sucht nach etwas anderem als der, der nach dem ersten Zug sucht.

Weit verzweigtes Gleisfeld eines Rangierbahnhofs vor einer Stadtsilhouette
Aus Gruben- und Werksbahnen wurde ein Netz erst, als fremde Nutzer gegen Entgelt mitfahren durften — das ist die Bedeutung von öffentlich.

Was vor 1800 existierte

Spurgeführte Fahrzeuge sind im mitteleuropäischen Bergbau seit dem 16. Jahrhundert belegt. Der Hunt lief auf zwei Holzbohlen und wurde durch einen Stift geführt, der in der Rille zwischen ihnen lief. Der Vorteil war derselbe wie heute: geringer Rollwiderstand und eine Führung, die keine Lenkung braucht.

Im britischen Kohlerevier entwickelten sich daraus im 18. Jahrhundert die wagonways, teilweise mehrere Kilometer lang, überwiegend im Gefälle von der Grube zum Fluss geführt. Beladene Wagen rollten hinab, Pferde zogen die leeren zurück. Diese Bahnen waren privat, gehörten zur Grube und standen niemandem sonst offen. Genau dieser Punkt macht das Jahr 1803 zur Zäsur.

Die erste öffentliche Eisenbahn: Surrey Iron Railway, 1803

1803erste für alle Nutzer geöffnete Bahnlinie Die Surrey Iron Railway zwischen Wandsworth und Croydon südlich von London war die erste Bahn, die per Parlamentsbeschluss als öffentlicher Verkehrsweg eingerichtet wurde. Wer Fracht zu befördern hatte, durfte gegen eine Streckengebühr eigene Wagen mit eigenen Pferden darauf bewegen — das Modell entsprach einer gebührenpflichtigen Straße, nur mit Schienen.

Diese Konstruktion ist historisch aufschlussreich, weil sie das Gegenteil dessen ist, was heute unter einer Bahn verstanden wird. Es gab keinen Fahrplan, keinen Betreiber und kein einheitliches Fahrzeug. Die Surrey Iron Railway war Infrastruktur ohne Verkehrsunternehmen. Eine Lokomotive hat sie nie gesehen; 1846 wurde sie stillgelegt.

Stockton–Darlington 1825 und Liverpool–Manchester 1830

Am 27. September 1825 eröffnete die Stockton and Darlington Railway im Nordosten Englands. Sie war öffentlich zugänglich, beförderte gegen Entgelt auch Reisende und ließ als erste eine Dampflokomotive im planmäßigen Betrieb fahren. Der Betrieb blieb allerdings gemischt: Kohlezüge fuhren mit Dampf, Personenwagen zunächst weiter mit Pferden, und fremde Fuhrunternehmer durften anfangs noch mitfahren.

Erst die Strecke zwischen Liverpool und Manchester, eröffnet am 15. September 1830, brachte alle Merkmale zusammen, die den Begriff heute ausmachen: zwei durchgehende Gleise, ausschließlich Dampfbetrieb, ein einziges Unternehmen als Betreiber, Fahrpläne, Bahnhöfe, Signale und von Anfang an sowohl Güter- als auch Personenverkehr zwischen zwei Großstädten. Innerhalb weniger Jahre war der Personenverkehr, den die Erbauer als Nebengeschäft eingeplant hatten, die größere Einnahmequelle.

Drei Anfänge, drei Kriterien
BahnJahrWas zuerst
Surrey Iron Railway1803erste allgemein zugängliche Bahnlinie, Pferdebetrieb
Stockton–Darlington1825erste öffentliche Bahn mit Dampflokomotive
Liverpool–Manchester1830erste durchgehend dampfbetriebene Bahn nach Fahrplan
Mehrere Eisenbahnbrücken über einem Fluss, im Dunst hintereinander gestaffelt
Jede frühe Strecke musste ihre Kunstbauten selbst finanzieren; Brücken und Dämme entschieden über die Streckenführung mehr als die Entfernung.

Die Spurweite als Erbstück der ersten Strecken

Ein Maß hat sich aus dieser Frühzeit bis heute gehalten: 1.435 Millimeter zwischen den Schienen- innenkanten. Die Zahl ist kein Ergebnis einer Berechnung, sondern die Spur der nordenglischen Kohlenbahnen, auf denen George Stephenson arbeitete und die er in seine Lokomotivbauten übernahm. Weil Liverpool–Manchester Vorbild für viele folgende Strecken wurde, verbreitete sich das Maß mit den Fahrzeugen.

Alternativen gab es reichlich. Isambard Kingdom Brunel baute die Great Western Railway mit gut zwei Metern Spur und argumentierte mit Laufruhe und Kapazität — technisch nicht falsch, aber unvereinbar mit dem Rest des Netzes. Der britische Gauge Act von 1846 beendete den Streit zugunsten der engeren Spur, und Brunels Strecken wurden später umgebaut. Wo Netze isoliert entstanden, blieben andere Maße bis heute erhalten, etwa in Iberien, Indien und Russland.

Warum die Antwort vom Kriterium abhängt

Die Frage nach der ersten öffentlichen Eisenbahn ist deshalb schwer zu beantworten, weil drei Eigenschaften nacheinander erfunden wurden und nicht gleichzeitig: die allgemeine Zugänglichkeit 1803, der Dampfbetrieb im öffentlichen Verkehr 1825 und die durchorganisierte Betriebsführung 1830. Jede der drei Bahnen war in einer Hinsicht die erste und in den beiden anderen nicht.

Wer den Beginn des Eisenbahnzeitalters als System datieren will, kommt an 1830 kaum vorbei. Dort entstand zum ersten Mal die Verbindung aus fester Infrastruktur, eigener Fahrzeugflotte, Fahrplan und Betriebsvorschrift, die jede spätere Bahn übernommen hat — bis hin zu den Regionalnetzen, die heute in Nordrhein-Westfalen ausgeschrieben werden.

Häufige Fragen

Welche war die erste öffentliche Eisenbahn?

Die Surrey Iron Railway südlich von London, eröffnet 1803. Sie war öffentlich in dem Sinn, dass jeder Fuhrunternehmer gegen Gebühr eigene Wagen darauf ziehen durfte. Die Zugkraft lieferten Pferde; eine Lokomotive verkehrte dort nie.

Was unterschied Stockton–Darlington von früheren Bahnen?

Sie war die erste öffentliche Bahn, auf der eine Dampflokomotive fuhr, und sie beförderte neben Kohle auch zahlende Reisende. Der Betrieb blieb allerdings gemischt: Personenwagen wurden zunächst weiterhin von Pferden gezogen.

Warum gilt Liverpool–Manchester als eigentlicher Beginn?

Diese 1830 eröffnete Strecke war die erste, die zwei große Städte verband, ausschließlich mit Dampfkraft betrieben wurde, beide Fahrtrichtungen auf eigenen Gleisen führte und Personen- wie Güterverkehr nach Fahrplan abwickelte. Damit war das Betriebsmodell fertig, das bis heute gilt.

Woher kommt das Wort Eisenbahn?

Es ist eine Lehnübersetzung aus dem Englischen. Vorläufer waren Bahnen aus Holzbohlen, die mit Eisenschienen belegt wurden; die Bahn hieß nach ihrem Material, nicht nach ihrem Antrieb. Das englische railway bezeichnet dagegen den Fahrweg aus Schienen.

Gab es Schienenwege schon vor der Eisenbahn?

Ja, seit dem 16. Jahrhundert im Bergbau. Hunte liefen auf Holzbohlen mit einem Führungsstift in der Spurrille. Die Idee, ein Fahrzeug spurgeführt zu bewegen, ist also deutlich älter als die Dampfmaschine.

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